viola

“Yes – I have anorexia nervosa – but it doesn’t have me anymore.”

Wenn ich daran zurück denke, wer ich vor ein paar Jahren gewesen bin, kann ich mich ehrlich gesagt nicht so recht erinnern. Die Erinnerungen daran sind alle grau und recht verschwommen.

Aber ich kann mich an die unzähligen Abende erinnern, an denen ich mich geweigert habe, mit meinen Eltern zu Abend zu essen, an all’ die Streitigkeiten und Tränen deswegen. All’ die gezählten Kalorien und die Kilos, die nur so gepurzelt sind. Zerbrochene Freundschaften, die rückblickend vielleicht nie welche gewesen sind. Eisige Winternächte und Finger, die trotz Handschuhen und Decken immer blau und kalt waren. Zigarette und schwarzer Kaffee zum Frühstück statt Brunchen mit Freunden.  An die Male, als ich umgekippt bin, weil ich eigentlich kein Blut sehen kann, es aber trotzdem an meinen Armen runtergetropft ist.

Ich erinnere mich, alles auf einmal und gleichzeitig gar nichts mehr gefühlt zu haben.

Aber wenn ich heute an diese Zeit zurück denke, dann denke ich nicht an eine Zahl auf der Waage oder die size-zero Hosen, die an mir rumgeschlabbert sind.

Was mir ins Gedächtnis kommt sind all’ die verpassten Chancen. Die Nächte, in denen ich hungrig mit Bauchkrämpfen und Wärmflasche im Bett lag, anstatt mit meinen Freund*innen Spaß zu haben. In den Spiegel zu sehen und jeden Zentimeter von mir zu verabscheuen. Die Tage, an denen ich nicht mal unter der Bettdecke hervorgekrochen bin, während meine Klassenkameraden sich auf ihr Abitur vorbereitet haben, und wie ich in dieser Zeit zwei Schuljahre verpasst habe. Einsame Kliniknächte in denen ich nichts mehr wollte, als in den Armen meiner Mama einzuschlafen. Antidepressiva, die ich geschluckt habe, als wären es Cornflakes, um irgendwie funktionieren zu können.

Was mir ins Gedächtnis kommt, sind all’ die Chancen, die Zeit und vor allem das Leben, das mir die Anorexie und die Depressionen genommen haben.

Wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, wer ich vor ein paar Jahren gewesen bin, dann weiß ich darauf keine so rechte Antwort, weil all das, über das ich mich damals definiert habe, meine Krankheiten waren.

Aber wenn ich auf die Frage antworten soll, wer ich heute bin, was aus dieser grauen Hülle meiner selbst geworden ist, dann kenne ich auf diese Frage umso mehr Antworten.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, dann sehe ich keine Zahl mehr. Ich sehe auch keine herausstechenden Hüftknochen mehr und zwischen meinen Oberschenkeln ist keine große Lücke. Ich liege nicht mehr stundenlang in meinem dunklen Zimmer, weil es zu anstrengend scheint, die Rollläden hochzufahren oder gar aus dem Bett aufzustehen. Ich habe stattdessen meine eigene Wohnung, in der ich jeden Morgen noch vor meinem ersten Kaffee alle Fenster weit öffne, damit ganz viel frische Luft und Licht reinströmen können. Heute kann ich es nämlich nicht hell genug haben, denn dunkel und trist war es in mir und um mich herum lang genug. Meine Abende verbringe ich nicht mehr damit, mit Rasierklingen auf meinen Armen hin und herzufahren. Stattdessen tanze ich mit Musik in den Ohren in meiner Küche umher und koche mir währenddessen Abendessen – am liebsten Curry. Ich bin nicht mehr spindeldürr – aber mir könnte nichts egaler sein. Denn ich bin so viel mehr als die Zahl auf der Waage. Das weiß ich heute endlich, nach all’ den Jahren, in denen das anders war. Anstatt mit meinen Eltern zu streiten, lade ich sie zum Abendessen bei mir zu Hause ein und wir sitzen danach lachend auf dem Sofa.

Es hat sich viel geändert, ich habe mich geändert – bin viel mehr ich und viel weniger krank.

Und wenn ich in den Spiegel sehe, dann sehe ich da keine Krankheit mehr. Ich sehe mich. Mit all’ dem, was ich an mir mag und auch all’ dem, was ich nicht so sehr leiden kann. Und damit meine ich nicht (mehr) nur äußerliches.

Ich sehe meine verwuschelten Haare am Morgen und muss lachen, wenn ich mal wieder einen Chiasamen zwischen den Zähnen habe und das erst bemerke, nachdem ich den Postboten freundlich – und den Umständen entsprechend ein bisschen zu breit – angelächelt habe.

Ich sehe eine junge Frau, die anderen gern zuhört, sich dabei manchmal aber selbst vergisst. Ich sehe eine Lehramtsstudentin, die in Vorlesungen vorzugsweise hinten sitzt und nach der Uni gerne ab und zu ein Glas Wein mit Kommilitonen/-innen trinkt.

Ich sehe mich während meines Unterrichts vor der Klasse stehen und erinnere mich an das „Frau Marienfeldt, können Sie bitte öfter bei uns den Unterricht machen? Sie sind so eine coole Lehrerin!“ – und mir wird ganz warm ums Herz.

Ich sehe eine Freundin, die versucht, immer für alle da zu sein – es aber nicht immer schafft, weil sie sich an manchen Tagen selbst an erste Stelle stellt oder stellen muss

– und das ist okay. Ich bin okay – und das, genau das, das weiß ich heute. Und dafür bin ich so unendlich dankbar.

Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem mehr Liebe. Dass wir inmitten des ganzen „Fitness“-, Healthy Eating“- und „Mit dieser Saftkur verlierst du 10kg in 5 Tagen“- Wahnsinns endlich realisieren, dass unser Körper nicht dafür gemacht wurde, spindeldürr zu sein oder nur aus Muskelmasse zu bestehen. Ich wünsche mir mehr Selbstliebe, weniger Selbstkritik und dass der Fokus in Zukunft nicht mehr so stark auf dem Äußerlichen einer Person liegt. Dass es mehr um das Innere geht und dass dies auch gesellschaftlich kommuniziert wird. Die Gesellschaft ist so fokussiert darauf, im Januar die Fitnessstudios einzurennen und Mahlzeiten-ersetzende Shakes zu schlürfen, dass währenddessen nicht selten der Genuss am Leben auf der Strecke bleibt. Und das nicht nur im Januar.

Für all’ diejenigen, die selbst von ähnlichem betroffen sind, wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass sie sich Hilfe holen und wieder zu sich selbst zurück finden. Denn diese Krankheit ist nicht selten eine Einbahnstraße ohne Ziel. Aber es ist immer noch Platz für einen U-Turn – und in diesem Falle darf man ausnahmsweise auch gegen Fahrtrichtung Vollgas geben.

Das Fazit meiner Story gibt es jetzt auf Englisch, weil sich das ins Deutsche übersetzt nicht so „echt“ anhört: Yes – I have anorexia nervosa – but it doesn’t have me anymore.“